

Obwohl Frauen mit Querschnittlähmung oft mit besonderen Herausforderungen konfrontiert werden, bleiben sie in der Forschung meist unsichtbar. Zwei Forscherinnen der SPF wollen das ändern. Im Interview erklären sie, warum das dringend nötig ist.
Interview: Helen Affolter
Bilder: Sabrina Kohler
Zwei Forscherinnen der Schweizer Paraplegiker-Forschung (SPF) – Marija Glisic, Leiterin der Forschungsgruppe für kardiometabolische und respiratorische Erkrankungen, und Janina Lüscher, Leiterin der Forschungsgruppe Psychosoziale Dynamiken und Gesundheit – setzen sich dafür ein, dass Frauen in der Forschung zum Thema Querschnittlähmung mehr Gewicht bekommen. Denn obwohl Frauen und Männer eine Querschnittlähmung unterschiedlich erleben, ist die Forschung stark männlich geprägt und viele Erkenntnisse basieren ausschliesslich auf Daten von Männern. Im Rahmen eines vom Schweizer Nationalfonds (SNF) geförderten interdisziplinären Projekts untersuchen die beiden Forscherinnen, wie sich biologische, psychologische und soziale Geschlechtsunterschiede auf die psychische Gesundheit auswirken und was Frauen und Männer konkret benötigen, um besser mit Belastungen umzugehen.
Warum braucht es überhaupt einen Fokus auf Geschlechtsunterschiede?
Marija: Studien zeigen, dass Frauen mit Querschnittlähmung häufiger unter Depressionen und Angststörungen leiden als Männer. Zwar erholen sie sich biologisch anfangs besser – hormonell bedingt. Doch dieser Vorteil schwindet schnell, vor allem nach der Rückkehr aus der Erstrehabilitation. Wir wissen aber wenig darüber, warum das so ist. Bisherige Forschung basiert mehrheitlich auf männlichen Probanden. Frauen sind stark unterrepräsentiert.
Janina: Dabei zeigen die Zahlen, dass depressive Symptome bei Frauen nach der Reha vier- bis zehnmal häufiger sind. Wir gehen davon aus, dass biologische, psychologische und soziale Faktoren zusammenspielen – und, dass Frauen in verschiedenen Lebensbereichen mit anderen Herausforderungen konfrontiert sind. Das beginnt bei der Körperwahrnehmung, reicht über Rollenbilder bis hin zur sozialen Unterstützung.

Janina Lüscher (links) und Marija Glisic setzen sich dafür ein, Frauen sichtbar zu machen.
Kannst du ein konkretes Beispiel nennen?
Janina: Wenn beispielsweise ein Mann nach Hause kommt, wissen wir aus der Forschung, dass Frauen meistens vertrauter mit einer Pflegesituation sind. Männer profitieren davon. Wenn aber eine Frau betroffen ist, kann sie diese Rolle nicht mehr erfüllen – sie braucht selbst Unterstützung. Und dann kommen gesellschaftliche Erwartungen dazu. Das führt zu zusätzlichem Druck und Stress.
Welche Daten habt ihr dafür untersucht?
Marija: Grundlage sind Daten aus der SwiSCI-Studie. Danach haben wir die internationale Literatur analysiert. Darauf basierend entstand ein Rahmenkonzept mit Empfehlungen, wie Frauen besser berücksichtigt werden können. Daran haben wir über ein Jahr gearbeitet. Es geht nicht darum, Männer zu ignorieren, sondern Forschung geschlechtersensitiv zu gestalten. Unser Projekt soll Modellcharakter haben – auch für andere chronische Erkrankungen.
«Unser Projekt soll Modellcharakter haben – auch für andere Erkrankungen.»
Und wie geht es mit dem Projekt weiter?
Marija: Wir wollen ein Risikomodell entwickeln, das schon vor der Entlassung erkennt, wer besonders gefährdet ist. Etwa: Wie schwer ist die Verletzung? Wie sieht die soziale Unterstützung aus? Gibt es Kinder, finanzielle Belastungen? Wir wollen diese Unterschiede verstehen – sie sind aber noch nicht vollständig erklärt.
Janina: In einem weiteren Schritt wollen wir die weiteren Auswirkungen von depressiven Symptomen verstehen. Denn mit depressiven Symptomen steigt auch das Risiko für andere Gesundheitsprobleme – auch körperliche. Wir untersuchen, wie Geschlecht und Gender das beeinflussen – und welche Rolle biologische Marker spielen.
Und wie sollen die Erkenntnisse eingesetzt werden?
Janina: Unsere Resultate sollen in eine Online-Plattform einfliessen. Diese soll Frauen und Männer mit Rückenmarksverletzung gezielt in ihrer psychischen Gesundheit stärken – mit Übungen, Informationen und konkreten Bewältigungsstrategien. Der Schweizerische Nationalfonds unterstützt unsere Forschungsarbeit bis 2029. Spätestens dann soll die Plattform stehen.
Marija: Langfristig wollen wir auch die klinische Versorgung verbessern. Wenn Frauen andere Bedürfnisse oder Symptome haben, sollte das in Beratung und Therapie einfliessen. Gendermedizin hilft, die Versorgung individueller und wirksamer zu gestalten. Wir wollen die Ergebnisse in den Alltag bringen, damit Frauen und Männer mit Rückenmarksverletzung gleichermassen davon profitieren können.

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